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28/05 2004

Giro d'Italia 2004



Wo geht's zum Giro?

Fotos & Text: Cyclist



07. Mai 2004 – Ankunft in Bella Italia

Vor zwei Jahren war ich beim Giro d’Italia in Groningen und Münster gewesen, jetzt, im Jahre 2004, hatte ich mal wieder Lust meine Lieblinge bei meiner Lieblings-Grand Tour "live" zu bewundern. Doch dieses Mal nicht während einer adoptierten Giro-Etappe im Ausland, sondern original – wie es sich für den Giro gehört – in Bella Italia. Was sind schon knapp 1.200 km von Berlin nach Genua um rasierte Waden bewundern und den Duft von Massageöl einatmen zu dürfen? Was tut man nicht um nach einer Woche Entzug wieder in die Welt des Radsports abtauchen zu können?

 

Eine kleine Passagiermaschine der kränkelnden Allitalia brachte mich trotz meiner anfänglichen Skepsis ob ihrer geringen Größe sicher von Berlin nach Mailand. In der italienischen Metropole oder besser gesagt am Flughafen Malpensa 50 km außerhalb von Milano (wie der Italiener sagen würde), fand ich sogar auf Anhieb den richtigen Bus, der mich zur Stazione Milano Centrale (Hauptbahnhof) brachte. Dort fand ich dank meiner geringen, aber immerhin vorhandenen Italienischkenntnisse den Zug nach Genua, der extra für mich 20 Minuten Verspätung eingeplant hatte, damit ich nicht unnötig viel Zeit in Mailand verbringen musste. Sehr zuvorkommend von dem italienischen Lokführer! Ich hätte jetzt natürlich auch mit dem Zug von Mailand nach Nizza durchfahren können, aber ich entschloss mich doch nach etwa 1,5 Stunden Fahrt in Genua auszusteigen und mich auf die Suche nach meiner Unterkunft zu begeben. Ich hatte Bed & Breakfast bei Mauro gebucht, das sollte ganz in der Nähe des Hafens sein. Instinktiv ging ich vom Bahnhof in die richtige Richtung; wozu hatte ich mir überhaupt den Stadtplan von Genua gekauft? Um ehrlich zu sein, trotz Kenntnis der genauen Anschrift musste ich doch mal fragen, denn die Italiener hatten anscheinend vor Jahren die Hausnummerierungen geändert, es aber nicht für nötig befunden, die neuen Nummern auch an den Häusern anzubringen! Confusione! Letztendlich hatte ich aber meine Unterkunft erreicht, es war ein Zimmer in einer netten Wohnung im dritten Stock mit Blick auf den Hafen, ich konnte die großen Fährschiffe, die von Genua nach Monte Carlo, Nizza und anderswo ausliefen, jeden Abend aus nächster Nähe bewundern. Und ich war in Genova, wie Genua in Italienisch heißt, der Kulturhauptstadt Europas, der Startstadt des Giro d’Italia 2004. Ich war da!!!!



08. Mai 2004 – Prolog in Genua

Schon die letzten Tage zuhause in Berlin hatte ich mir Gedanken gemacht, was mich hier in Italien erwarten würde. Die Tour de France ist ja immer sehr restriktiv, man kommt als Fan aufgrund von Absperrungen schwer an die Fahrer heran. Aber wie würde es beim Giro in der Heimat des Rennens aussehen? Ebenfalls meterhohe Absperrung, übereifrige Ordner, die natürlichen Feinde eines jeden Hobbyfotografen? Worauf musste ich mich einstellen?

 

Um rechtzeitig die Lage abchecken zu können, machte ich mich frühzeitig auf den Weg zur Piazza della Vittoria. Wer heute seinen "Vittoria" bejubeln können würde, konnte ich natürlich vormittags noch nicht sagen, aber auf dem 45-minütigen Fußmarsch von meiner Unterkunft zum Ort des Geschehens hatte ich ausreichend Zeit, über mögliche Sieger zu spekulieren und ich tippte auf den Australier Bradley McGee. Schon unterwegs waren mir einige Fahrer an der Rennstrecke begegnet, die auf der Strecke trainierten. Und auch am Start standen bereits vormittags einige Busse und Teamfahrzeuge und zu meiner Freude gab es KEINE meterhohen Absperrungen, zudem war man gerade erst noch dabei den Einschreibungsbereich abzusperren. Noch konnte man überall hinlaufen, das sollte sich aber schon bald ändern. Immerhin war das Fahrerlager für jeden Fan freizugänglich, so dass ich mir diesbezüglich viel zu viel Gedanken gemacht hatte.

 



Fans meet Fans

Nachdem alle Teams die Prologstrecke ausgiebig getestet hatten und in die Hotels zurückgekehrt waren, kehrte auch wieder Ruhe im Fahrerlager ein. Genug Zeit für mich, die anderen Fans kennenzulernen. Und wer denkt, dass beim Giro nur Italiener sind, irrt gewaltig. Wenn ich schon so verrückt bin, extra von Berlin zum Giro d’Italia nach Italien zu reisen, wie verrückt muss dann erst ein Amerikaner sein, der von Kalifornien zur Italienrundfahrt fährt? Dabei startet nicht einmal Lance Armstrong. Und dann gab es noch einen Australier, der bei den Teams ständig Trikots, Mütze o.ä. Artikel schnorrte, um sie später gegen Kost und Logis in Privatunterkünften einzutauschen. Dessen Anreisekilometer rechne ich mir lieber erst gar nicht aus.

 

Am frühen Nachmittag kehrten nach und nach alle Teams zurück. Als etwas ungünstig erwies es sich, dass das Fahrerlager zweigeteilt war, die einen Teams links der Piazza della Vittoria, die anderen rechts davon. Gleich nach ihrer Ankunft bemühten sich die Betreuer von Saunier Duval verzweifelt ihre Megastereoanlage in Gang zu setzen, was sich als schwieriges Unterfangen herausstellte - oder waren die Betreuer nur technisch etwas unbegabt? Nach einer Stunde die Aktion von Erfolg gekrönt und fortan wurde das komplette Fahrerlager mit spanischer Popmusik beglückt.



Alte Liebe rostet nicht



Zungenverknotungsgefahr: Kyrylo Pospyeyev

Nachdem ich aufgrund einiger interessanter Gespräche und Beobachtungen im Fahrerlager bereits den Start von dem "anderen" Mario (=Mario Scirea) verpasst hatte, machte ich mich dann doch irgendwann in Richtung Einschreibung auf um nicht noch mehr Fahrer zu verpassen. Der erste, der mir über den Weg lief, war Kyrylo Pospyeyev. Dessen Name kann ich inzwischen ohne mir die Zunge verknoten zu müssen fehlerfrei aussprechen. Zumindest bilde ich mir das ein, wie seine ukrainischern Ohren das empfinden vermag ich jedoch nicht zu sagen. Kyrylo, der mittlerweile für Acqua e Sapone fährt, verhalf mir auch zu der Erkenntnis, dass Radprofis über ein Megagedächtnis verfügen müssen. Wie anders ist es zu erklären, dass der gute Kyrylo, denn ich zuletzt bei der Tour de Suisse im Juni 2003 getroffen hatte, mich so extrem freudestrahlend begrüßte? Zwar meinte ein anwesender Teambetreuer, dass man sich an schöne Frauen immer gerne erinnere, aber nun mal ehrlich: ich bin sicher nicht das einzige weibliche Wesen, das Kyrylo seit der Tour de Suisse zu Augen bekommen hat.

 

Für Mario Cipollini war mal wieder Karneval angesagt. Wie jedes Jahr beim Prolog des Giros präsentierte er die neueste Modekreation des weltberühmten Modeschöpfers Re Leone, der nebenberuflich als Radprofi tätig ist; dieses Mal ein goldenes Löwenoutfit mit passendem Rennrad. Bei mir hielt sich allerdings die Überraschung in Grenzen, da die Betreuer von Domina Vacanze den Fehler gemacht hatten, vormittags das Rad eine Weile vor dem Bus abzustellen – das sollte man nicht tun, wenn ich in der Nähe bin. Ich registriere alles!

 

Den ganzen Nachmittag war mir am DVE-Bus schon eine Frau in Jeans und roter Lederjacke aufgefallen, die dann auch noch nach Cipollinis Prolog immer wieder freudestrahlend in die Luft hüpfte und begeistert "Mario, Mario" rief und noch einiges auf Italienisch, was ich nicht verstand. Wie sich herausstellte handelte es sich dabei um Cipollinis Ehefrau, wobei ich den Grund führ ihre extreme Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen konnte; schließlich hatte Mario weder gewonnen noch sonst etwas besonderes geleistet, aber vielleicht ist das auch nur die italienische Emotionalität (oder die Liebe zu ihrem Mann).

 

Gewonnen hatte nämlich Bradley McGee, der die Siegerehrung ebenfalls zu einem kleinen Familienausflug nutzte. Das etwa dreijährige Töchterchen wurde stolz den wartenden Fotografen präsentiert, wobei die Kleine teilweise doch etwas irritiert schien, als der Papa von gleich zwei fremden Frauen geküsst wurde.

 



Ergebnis

Bradley McGee 
Australien 
FdJeux.com 
Olaf Pollack 
Deutschland 
Gerolsteiner 
Yaroslav Popovych 
Ukraine 
Landbouwkrediet-Colnago 


09. Mai 2004 – 1.Etappe: Genua – Alba

Nachdem ich mich gerade so schön an die Symbiose von Genua und Giro d’Italia gewöhnt hatte, sollte heute schon der letzte Tag des Schauspiels in der Hauptstadt Liguriens sein. Schade eigentlich. Aber zuerst noch einmal ein Start in Genua und wieder an der Piazza della Vittoria. Das bedeutete abermals einen 45-minütigen Fußmarsch von meiner Unterkunft bis zu den rasierten Waden und dem Duft von Massageöl – aber selbst das konnte mich nicht abhalten.

 

Gleich nach meiner Ankunft im Fahrerlager zeigte mir Kyrylo Pospyeyev, wie er seinen ersten Giro-Etappensieg zu bejubeln gedenkt. Ich glaube, ich habe einen neuen alten „Freund“, aber schade, dass Acqua e Sapone praktisch nur in Italien an den Start geht. Da muss ich wohl öfters nach Italien kommen um Kyrylo zu sehen... Warum ist Italien nur so weit? Ich sollte doch wieder nach Bayern ziehen!



Bus oder Nicht-Bus, das ist hier die Frage



Gerolsteiner: Fehlender Megabus - Lizenz in Gefahr?

Zielort der 1.Etappe war das kleine Städtchen Alba in der Nähe von Alexandria. Glücklicherweise ergab sich eine Mitfahrgelegenheit für mich, so dass ich nicht auf die Zugverbindung angewiesen war. Rechtzeitig wurde nach einer landschaftlich sehr interessanten Fahrt Alba erreicht. Mit dem Zug hätte ich sicher fast doppelt so lange gebraucht. Inklusive der Frage, ob ich die Zielankunft hätte miterleben können, abhängig davon, wie eilig die Fahrer es gehabt hätten, Alba zu erreichen. Da noch Zeit bis zum Finale der Etappe war verbrachte ich noch einige Zeit im Fahrerlager. Und sprach mal mit dem, mal mit jenem. Und war immer wieder erstaunt mit wie wenig Italienischwortschatz man sich doch schon einigermaßen verständigen kann.

 

Interessant zu beobachten war die Ankunft der einzelnen Teams im Fahrerlager.

Saeco – Megabus.

Lampre – Megabus.

Saunier Duval – Megabus.

Domina Vacanze – Megabus PLUS Cipo-Truck!

Man konnte fast den Eindruck gewinnen, die Teams wollen sich mit immer größeren und teueren Teambussen gegenseitig übertrumpfen. Es gibt nur wenige Teams, die nicht so ein Megateil ihr eigen nennen, aber ich denke Gerolsteiner, Vini Caldirola und v.a. Tenax, die nicht einmal einen Camper besitzen, haben irgendetwas nicht verstanden. Vermutlich wird ihnen die UCI nächstes Jahr die Lizenz verweigern, weil sie keinen Megabus nachweisen können.

 



Pretty in Green & Pink



Pretty in Pink: Olaf Pollack

Gerolsteiner machte mir trotzdem oder gerade wegen des fehlenden Megabusses viel Freude an dem Tag in Alba. Nein, nicht nur, dass Fabian Wegmann gleich bei seiner allerersten Giroteilnahme zumindest zwischenzeitlich das Bergtrikot übernahm, nein auch Olaf Pollack übernahm nach seinem zweiten Platz noch dazu die Führung in der Gesamtwertung. Die Etappe gewonnen hatte – was für eine Überraschung - Alessandro Petacchi, der gar nicht mehr weiß, wie man das Wort "Niederlage" buchstabiert. Voller Freude über das Maglia Rosa bespritze Olaf Pollack nicht nur die Fotografen, die sich und ihre Kameras nicht rechtzeitig haben in Sicherheit bringen können, sondern v.a. auch sich selbst mit dem Siegersekt und genoss diesen für ihn persönlich einmaligen Moment sichtlich. Schlecht schien der Sekt auch nicht zu schmecken (ich konnte ihn leider nicht testen, denn er hat mir nichts davon abgegeben...), ansonsten hätte er sich ihn nicht genüsslich aus dem Gesicht geleckt...

 

Was mich bei der Siegerehrung etwas überraschte, war, dass es doch relativ gesittet zuging. V.a. nachdem mit Petacchi ein Italiener (und nicht irgendein Italiener) gewonnen hatte, hatte ich doch mit echtem italienischem Chaos gerechnet. Das einzig Chaotische waren die Strecke stürmende Tifosi, deren Annäherungsversuche an Petacchi aber spätestens an den Absperrungen der Siegerehrung gestoppt wurden. Das ganze hatte den Anschein eines Gittergeheges, wer aber nun innerhalb bzw. außerhalb des Käfigs war, vermag ich nicht zu beurteilen. Entscheidet selbst!

 

Nachdem alle Fahrer für was auch immer geehrt worden waren und auch keine Honoratioren der Stadt mehr begrüßt werden mussten, wurde sofort damit begonnen, die Reklametafeln, Absperrgitter etc. abzubauen und zu verladen. Auch für mich war hiermit meine Giropflichten für den heutigen Tag erledigt und ich konnte mich in Richtung Bahnhof aufmachen, der gottseidank nicht weit von der Etappenankunft entfernt lag. Alba hat zwar nur einen kleinen, aber immerhin hat es einen Bahnhof, so dass ich per Zug zurückfahren konnte. Und ich habe mich auch weder in den falschen Zug gesetzt noch habe ich den Umsteige- oder Zielbahnhof verpasst. Gut drei Stunden später war ich wieder in Genua und konnte schon den nächsten Tag planen.

 



Ergebnis

Alessandro Petacchi 
Italien 
Fassa Bortolo 
Olaf Pollack 
Deutschland 
Gerolsteiner 
Crescenzo D’Amore 
Italien 
Acqua e Sapone 


weiter zu Teil II


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