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15/09 2004

Das Land, wo die Radfahrer blühen

Text: Cyclist,  Fotos: Cyclingimages

 

August 2004. Zweieinhalb Wochen Urlaub, Zeit zum Entspannen, Sommer, Sonne und Strand genießen? Für viele sicher die richtige Art Urlaub zu machen. Nicht aber für mich. Ich würde wohl schon nach zwei oder drei Tagen vor Langeweile sterben. Ein paar Tage Strand sind okay, das reicht dann aber auch. Also musste eine Alternative her. Meine Lieblingsländer wie Tibet, Neuseeland oder die Mongolei eignen sich nur bedingt für einen Urlaub im August, außerdem müsste ich mir dann wieder anhören, dass ich bloß keinen Mongolen heiraten solle... Da es meines Wissens jedoch keinen mongolischen Radprofi gibt, ist diese Gefahr bei Radrennen in Europa relativ gering. Also konnte ich mein Umfeld beruhigen, indem ich mich entschloss, für ein paar Tage nach Italien und in die Schweiz zu fahren, um mir dort ein paar Radrennen anzuschauen (und um zu sehen, was im Ausland anders ist als in Deutschland).

 

Nachdem ich den UCI Rennkalender vom August quasi schon auswendig gelernt hatte, entschied ich mich für die Rennen

 

• Trittico Reggione Lomabardia

 

o Tre Valli Varesine

o Coppa Agostini

o Coppa Bernocchi

 

• Meisterschaft von Zürich

 

Die italienischen Rennen fanden alle nicht allzu weit von Mailand entfernt statt, und die Meisterschaft von Zürich lag quasi auf dem Heimweg von Mailand nach Deutschland. Nun ja nicht ganz, aber wir wollen doch nicht päpstlicher sein als der Papst. Wer sagt denn, dass der kürzeste Weg auch immer der beste ist?

 




Campione d'Italia
Copyright: Cyclingimages



16.08.2004 - Renneinstimmung

Eine normale Zugfahrt tagsüber war teurer als die Nachtsparangebote der Deutschen Bahn, so war ich quasi gezwungen den Nachtzug von München, wo ich die ersten Urlaubstage bei meinen Eltern verbracht hatte, nach Lugano zu nehmen. Nachdem ich den Weg vom Luganer Bahnhof zur Hauptschiffsanlegestelle gefunden hatte , dauerte es nicht lange, und ein Schiff legte an und brachte mich in 20 Minuten auf die andere Seite des Luganer Sees in die italienische Enklave Campione d'Italia.

 

Nachdem ich erstenmal richtig ausgeschlafen und den Hotelpool ausgiebig gestestet hatte, wollte ich mir auch mal das „Zentrum“ von Campione erkunden. Von meinem Hotel bedeutete das einen Fußmarsch von gut 15 Minuten. Schon auf halben Weg kam ich an einer kleinen Kirche mit nett angelegtem Kirchpark mit Brunnen vorbei. Als ich noch dabei war, das ganze Gelände visuell zu erfassen, hörte ich das Gesurre eines Rennrades und erblickte einen jungen Mann mit nacktem Oberkörper auf einem Gerolsteiner Rennrad. Dieser legte genau an „meiner“ Kirche eine Pause ein um sich das Wasser des Brunnens auf dem Kirchhof über seinen Oberkörper laufen zu lassen und so für Erfrischung an diesem heißen Tag zu sorgen. Nachdem ich in Gedanken alle Gerolsteiner Fahrer durchgegangen war, stellte ich fest, dass der „sündige“ Fahrer (seit wann darf man im katholischen Italien mit nacktem Oberkörper ein Kirchgelände betreten?) Marco Serpellini war, der wohl auf einer Trainingsfahrt hier eine kurze Erfrischungspause einlegte. Der Anblick war wirklich sehenswert – zumindest für die weiblichen Wesen der Gattung Mensch in Gottes Zoo.



17.08.2004 - Tre Valli Varesine



Copyright: Cyclingimages

Das erste Rennen der Dreier-Serie „Trittico Regione Lombardia” war Tre Valli Varesine (= Drei varesische Täler). Wenn man behauptet, die Deutschen wären bürokratisch, was soll man dann davon halten, dass auf dem als Fahrerlager vorgesehenen Parkplatz lauter Tafeln mit den Namen der Teams aufgestellt waren, die den genauen Halteort der Fahrzeuge festlegen sollten...?! Nun ja, der Unterschied zwischen deutscher und italienischer Bürokratie ist der, dass die Deutschen sich an die Tafeln halten würden, die Italiener aber genau das Gegenteil taten, indem sie da hielten, wo sie wollten, und das war querverteilt irgendwo in Campione d’Italia. Die meisten Mannschaften hatten sich für einen Standort in einer Unterführung entschlossen, genutzt hat es ihnen nichts, sie wurden trotzdem entdeckt...



Italienische Freunde



Filippo Simeoni (Domina Vacanze)
Copyright: Cyclingimages

Da sich alles auf die Stars Davide Rebellin, Gilberto Simoni oder Stefano Garzelli konzentrierte widmete ich mich lieber verstärkt anderen, kleinen Helden wie Giosué Bonomi, bei dem noch immer nicht geklärt ist, ob er eigentlich primär Radfahrer oder Schauspieler ist. Vielleicht ist er aber auch einfach nur ein netter Dekorationsartikel, den Saeco verpflichtet hat, um die Mädels anzulocken... Italienischen Teams traue ich alles zu. Mein „Freund“ Kyrylo Pospyeyev war auch mal wieder da. Ich sag ja, ich muss seit seinem Wechsel zu Acqua e Sapone schon nach Italien fahren, um diesen Kerl zu sehen... aber was tut man nicht alles für seine „Freunde“...?

 

Bei der Einschreibung wurde außerdem Filippo Simeoni geehrt; ob diese Auszeichnung im Zusammenhang mit seinem Anti-Dopingkampf bzw. der Aktion von Lance Armstrong gegen ihn bei der Tour de France stand, kann ich leider nicht sagen. Denn so gut ist mein Italienisch doch nicht... aber ich bin weiterhin fleißig am Üben.

 

Filippo Simeoni nutzte anschließend die Zeit vor dem Start um auf einer Bank am Seeufer letzte Kraft zu schöpfen, während Francesco Failli und Rinolado Nocentini damit beschäftigt waren, ihre neuesten technischen Errungenschaften zu vergleichen. Wenn jemand technikverliebt ist, dann die Italiener...



Von Campione d'Italia nach Varese

Nachdem das Feld auf die Reise geschickt war, nahm ich das nächste Schiff nach Porto Ceresio, das nun wirklich richtig in Italien liegt. Den Unterschied zur italienischen Enklave Campione d’Italia merkte man gleich bei der Ankunft. In Porto Ceresio wurde ich von zwei netten italienischen Grenzbeamten begrüßt, die meinen Personalausweis kontrollieren wollten. Anscheinend wurde ich für harmlos befunden, denn ich durfte das Schiff verlassen. Glück gehabt... Wenn die wüssten, was für eine „Gefahr“ ich für italienische Rennfahrer darstelle, hätten sie es sich vielleicht noch einmal überlegt... Nach einer Stunde Aufenthalt und nachdem ich herausgefunden hatte, dass es die Zugtickets nicht am Bahnhof, sondern in der einzigen Bar von Porto Ceresio zu kaufen gibt, da der Fahrkartenautomat am Bahnhof „fuori funzione“ (außer Funktion) war, nahm ich den Zug zum Etappenzielort Varese.

 

Dort angekommen lief ich einfach drauf los, denn ich hatte keine Ahnung, wo nun diese Via Sacco, die Strasse, in der das Ziel sein sollte, war. Ohne Stadtplan und Ortskenntnis konnte ich das nun auch nicht wissen. Ich spekulierte auf Stadtzentrum und als ich bald Lautsprecheransagen hörte, war klar, dass meine Vermutung relativ richtig gewesen war. Weniger Zuschauer als beim Giro d’Italia, vornehmlich Herren älteren Semesters, säumten die Rennstrecke, aber sie entfachten eine super Stimmung und feuerten ihre Helden immer lauter und emotionaler an. Eine Fluchtgruppe mit Di Luca, Fabian Wegmann, Filippo Simeoni etc. führte das Rennen an, aber nicht Danilo Di Luca, der erklärte Liebling und Favorit der Italiener, sondern unser deutscher Exportartikel und Hobbyangler Fabian Wegmann war am Ende der Sieger. Anscheinend muss man nach Italien fahren, um Fabi jubeln zu sehen: Erst nimmt er im Mai den Italienern das Trikot des besten Bergfahrers beim Giro d’Italia weg, und nun gewinnt er schon wieder in Bella Italia – hoffentlich erhält er demnächst kein Einreiseverbot nach Italien.



Ergebnis



Sieger Fabian Wegmann (Gerolsteiner)
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  1. Fabian Wegman (GER, Gerolsteiner)
  2. Danilo Di Luca (ITA, Saeco)
  3. Vladimir Duma (UKR, Landbouwkrediet-Colnago)

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