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13/09 2004

Last chance to see

Die Fotostory - Text und Fotos von crn



Anders als im gleichnamigen Buch, das ürbigens nichts mit Radsport zu tun hat, und ich habe auch keine Ahnung, wie ich dieses Werk überhaupt damit in Verbindung bringe, Nini, geht es hier nicht um eine aussterbende Spezies, die aufgrund evolutionärer Erfolglosigkeit eingestellt wird. Petra Rossner ist weder aussterbend noch erfolglos. Sie weiß gar nicht, warum sie wirklich aufhört. Ach doch, jemand hat ihr mal gesagt, dass der Mensch (und also auch sie selbst) älter wird und es übrigens auch noch andere Dinge im Leben gibt als das Radfahren. Nun, die gute Petra will das nun beherzigen und es sei dem geneigten Leser ebenfalls an dieser Stelle geraten.

 

Aber natürlich bin ich nicht wegen Petra Rossner in Nürnberg, anders als wahrscheinlich gerade 20.000 Leute um mich herum. Nein, ich, als Student in der vorlesungsfreien Zeit quäle mich um vier Uhr morgens (ja, ja, lacht nur!) aus dem Bett und setze mich in den Zug hinaus aus der Zivilisation, hinein nach Bayern. Nein, ganz so schlimm ist es nicht, nur nach Nürnberg.

 

Leider hat sich das an sich wunderbare Wetter der letzten Wochen angewöhnt, Sonntags in eine gewisse Lustlosigkeit zu verfallen, welche sich unter anderem auch auf Radrennfahrer überträgt, die nun gerade an diesem Tag besonders häufig ihrer wesentlichen Beschäftigung nachgehen. Kurz, es herrscht miese Stimmung. Das merkt zum Glück keiner, weil trotz Nässe und unchristlicher Stunde eine beachtliche Menge an Zuschauern, bis zum Rand mit Motivation abgefüllt, derlei laut überspielen. Abseits des Trubels, in den kleinen, kalten Nebenstraßen, welche auch liebevoll Fahrerlager genannt werden, bereiten sich die Fahrerinnen auf das Rennen vor:

 

 



Kerstin Scheitle und Margie Hemsley, im wahren Leben (noch) Teamkolleginnen, in Nürnberg, also der Heimstätte ihres Sponsors, aber erbitterte Teamfeindinnen, denn die eine startet für das australische Nationalteam, die andere für ein an den Haaren herbeigezogenes Team, dessen Namen ich vergessen habe:


Margie Hemsley und Kerstin Scheitle

Naja, letztes Jahr hat es doch auch geregnet und wurde später besser. - Nein, ich fürche, das bleibt so oder wird noch schlimmer. - Aber vielleicht regnet es wenigstens nicht die ganze Zeit ...



Oenone Wood auf der Rolle

Oenone Wood

Die Hauptperson dieses Rennens ist, wie immer, klein (1.58!) und still im Hintergrund und bereitet sich auf ihre Weise vor. Und die heißt freie Rolle. Der Regen stört sie zumindest im Moment nicht übermäßig, wozu gibt es Regenschirme und Betreuer. Noch grüßt sie mich freundlich als sie mich entdeckt - ich bin wie immer unschwer am Hut, welcher mir gerade bei diesen Bedingungen herausragende Dienste leistet, danke nochmal, zu erkennen, noch grüßt sie mich, aber noch ist sie ja nicht Weltcup-Gesamtsiegerin.

 



Oenone führt zwar, deutlich, mit 99 Punkten vor Mirjam Melchers, Zoulfia Zabirova und Petra Rossner - alle dahinter haben ohnehin keine Chance - aber beim Weltcupfinale gibt es die doppelte Punktzahl, mithin 150. Lösbar, aber nicht überheblich werden. Die Strategie ist unangesprochen klar: Punkten. Durchkommen und dann die Stärke im Sprint nutzen. Auf gar keinen Fall stürzen. Leider ist das Wetter da nicht unbedingt ein unterstützender Faktor.

 




Ready to run ...



Die Anspannung des Teams ist deutlich spürbar, aber alle halten sich souverän. Die Aussies haben dieses Jahr wohl ihren Durchbruch erlebt mit der neuen Generation, die, welche es am schwersten hat, nach den Pionieren, den Heroinnen. Sara Carrigan, Olympiasiegerin gewordenes Symbol der Stärke der australischen Mannschaft - individuelle Stärken maximieren, ins Teamkonzept integrieren und dann strategisch den Sack zumachen - ist diesmal, anders als in Plouay, wo sie vom Streckenrand aus Flaschen verteilte, nicht dabei. Aber die Aussies haben nach Oenones Auftaktsieg beim Weltcup nie eine Schwäche gezeigt bei der Verteidigung des Trikots. Diese Mannschaft macht keine Fehler.

 

Heute gilt es, den Vorsprung nach Hause zu bringen, gegen Farm Frites Hartol mit der Weltranglistenersten, und gegen die Equipe Nürnberger, die hier ihr Heimrennen bestreiten, vielleicht auch gegen all die Fans, die die im Moment beste Sprinterin zum Sieg schreien werden. Und gegen den schlimmsten Feind, den Regen.

 

Wie die Equipe startet das AIS-Team in einer Traumbesetzung. Wie bei den Olympischen Spielen und den anderen Weltcups ist Liv Gollan als Lieutenant dabei, ebenso wie Nat Bates. Mit Margie Hemsley, Lorian Graham und Amy Safe (oder wie auch immer sie nun tatsächlich mit Nachnamen heißen mag) ist ein eingespieltes und tempohartes Team dabei, das die undankbare Aufgabe haben wird, das Feld zusammenzuhalten. Aber damit sind die Aussies zum Glück nicht alleine.

 






Nat, Lorian und Margie







Glück hat da Angela Brodtka, auch im Weltcup gut platziert aber ohne auch nur theoretische Siegchance, die wie immer die Rolle der Aussenseiterin erfüllen "darf". Sie wirkt gelöst nach den Spielen, nachdem, was da passiert ist. Sie grinst und albert rum, nur als sie Petra vor dem Start trifft, scheinen sich die beiden gar nicht wahrzunehmen.

 

Die Nässe scheint insbesondere Arenda Grimberg vom Therme Skin Kahre - äh: Care - Team schwer zu schaffen zu machen, sie will so schnell wie möglich nach Hause und attackiert deshalb zu jeder noch so unpassenden Gelegenheit.




Theresa Senff, aus dem thüringer Supertalenthaufen Euregio, steigt da zunächst mal locker hinterher.

 



Das ist an sich eine komfortable Situation für die Aussies, denn beide Fahrerinnen stellen keine Gefahr dar und es heißt abwarten und Wasser treten. Das Tempo im Feld machen andere, hier treibt Liane Bahler, nominell Nürnbergerin, heute aber nicht für die Equipe fahrend, jedenfalls nicht dezidiert.

 




Natalie (rechts) und Liv (rechts hinten) kontrollieren das Feld souverän im Anstieg.



 

 

Lorian (rechts aus dem Bild) und Margie (äh, ja!) passen auf Oenone auf (das winzige, links hinter der Vlaanderen-Fahrerin hervorlugende im Weltcuptrikot).

 





 

 

Andere Mannschaften, namentlich das Farm Frites Team um Mirjam Melchers (mitte rechts hinten) lassen es am Ende des Feldes erst mal locker angehen lassen, genau wie auch Judith Arndt (in Regenweste) und die ewig grinsende Alison Wright (das kleine schwarze links).

 





Die Bemühungen des Feldes fruchten und die Ausreißerinnen werden wieder eingeholt. Doch kaum sinkt das Tempo im Feld ein wenig, schon ist sie wieder weg.

 




Arenda kennt, wie gesagt, nur ein Ziel: Das Rennen so schnell wie möglich hinter sich bringen.



Theresa Senff dagegen lässt es heute bei einem Ausreißversuch bewenden und fährt erstmal mit Sissy van Alebeek ein bisschen an der Spitze des Feldes herum.






So eine Soloflucht ist kein Zuckerschlecken ...


Janildes Silva Fernandes, falls dies nun ihr Name ist, wie wir sie kennen würden, wenn wir wüssten, dass sie es wäre: Lange Alleingänge, gerne auch mal mit Begleitung, das ist das Spezialgebiet der Topfrau aus Südamerika. Leider nur allzu verständlich, denn in Brasilien dürfte es schlich keine Fahrerinnen geben, die ihr Tempo mitgehen können.

 




Im Feld dahinter wird geackert. Nicht so sehr, um die Ausreißer schnell wieder einzuholen, als neue Ausreißversuche zu vermeiden. Lorian Graham durfte den ganzen Tag schuften, dahinter verbirgt Liane Bahler weiterhin mühevoll ihre wahre Teamzugehörigkeit, erschwert durch die aussagekräftigen Armlinge, beäugt von Nicht-Teamkollegin und Eintagesspezialistin Madeleine Lindberg.



Auch ein kurzer Anstieg wird nach dem fünften Mal nicht leichter, wie die kurz darauf abgehängte Sharon van Essen einsehen muss (Mitte, Wiegetritt). Das Durchschnittsalter des aufopferungsvoll kämpfenden BDR-Teams um Angela Brodtka (Mitte, ohne Brille) liegt übrigens bei 20 Jahren.

 





 

 

Die "Mannschaften", welche die Verfolgung der Ausreißer organisieren: Claudia Stumpf (BDR, eigentlich Nürnberger), Liane Bahler (WAMS, eigentlich Nürnberger), Madeleine Lindberg (Nürnberger), Kerstin Scheitle (WAMS, eigentlich Nürnberger), Judith Arndt (Nürnberger).

 





 

 

Hatte ich schon erwähnt, dass es regnete? Amy Safe (links) scheint ihre Arbeit im Moment nicht wirklich Spaß zu machen, Mirjam Melchers (rechts) dagegen sieht das ganze wohl eher professionell.

 





 

 

Natürlich werden die Ausreißer gestellt und das Tempo ist so hoch, dass selbst Arenda zufrieden sein kann. Leider gibt es dann auf dem letzten Kilometer noch einen Sturz. Da ich aber zu diesem Zeitpunkt nicht auf die Videoleinwand zu sehen in der Lage bin - ich bin gerade damit beschäftigt, mich griechisch-römisch mit einigen dutzend Leuten im einen Platz an der 50 Meter-Marke zu balgen, als ein lautes Aufstöhnen vom Bildschirm-einsehenden Publikum ertönt - weiß ich immer noch nicht, wer darin eigentlich verwickelt war. Er muss sich aber hinter der unmittelbaren Spitze der Sprinterinnen abgespielt haben, denn diese kommen herangesaust - diesen strategisch günstigen Moment passt meine Kamera wiederum für eine "Ladehemmung" ab - vorbei. Ich habe längst das Gerät Gerät sein lassen und mich in einen wilden Anfeuerungs- beziehungsweise Jubelschrei verstrickt, aber diese Affäre möchte ich der Öffentlichkeit vielleicht dann doch nicht zumuten.

 



Meine Kamera konnte immerhin noch dies hier liefern ;):




Man erkennt sehr schön, wie sich Tanja Hennes (links, extrem unscharf) gegen Sissy van Alebeek (rechts, fast genauso extrem unscharf) durchsetzt, während Katia Longhin (ganz rechts, sehr unscharfer bunter Helm) schon geschlagen ist, Liane Bahler im typisch "unkonventionellen" Sprintstil aber nicht vorbeikommt (hinter Tanja, unscharfe Nürnberger-Armlinge) und sich Mirjam (Mitte, unscharf) gegen Alison ("unten", unscharf) durchsetzt.



Nicht zu sehen sind Petra Rossner, die deutlich vor Angela Brodtka und Oenone Wood sowie Debby Mansveld gewinnt. Aber das war ja auch nicht unbedingt überraschend.

 

Leider auch nicht zu sehen sind Lorian und Liv, die sich noch vor der Ziellinie beinahe jubelnd um den Hals fallen.

 





Sieht so eine Weltranglistenerste aus?

Das war sie also, die Mission to Weltcupsieg. Während Mirjam noch ein wenig enttäuscht dreinblickt (nebenbei: kann sie mich für dieses Foto eigentlich verklagen?)

 






... läuft bei den Aussies bald schon wieder eine ganz neue Mission: Wie bringen wir Oenone lebend hinter die "feindlichen" Linien (sprich die zigtausend Leute, die mittlerweile den Start/Zielbereich inklusive der Siegerehrungstribüne verstopfen). Bei einer so leicht verlierbaren Person gar nicht so einfach, aber Lieutenant Bates und Gollan taten ihr Bestes.

 

... während die einfache Gefreite Safe (oder wie auch immer sie heißen mag) die Ausgänge sicherte.

 

Der kongeniale Einsatz war natürlich wie immer ein voller Erfolg: Oenone erreichte unverschollen die Siegerehrung und konnte den dritten Platz der Tageswertung und den haushohen Sieg im Weltcup feiern. Begeisterung aller Orten.

 



Nur der Vollständigkeit halber: Ebenfalls Gesiegerehrt wurden die deutsche Meisterin und bekannte Nicht-Olympiateilnehmerin Petra R. und die viel weniger bekannte Olympiateilnehmerin Angela B. Auch dabei war Frau Schenk, die hat da aber sicher nichts gewonnen.

 





Es wurden die Nationalhymnen gespielt und ich versuchte, mich durch eine emphatisch singende und Nürnbergerfahnen schwenkende Massendemonstration zu quetschen, teils bangend, teils hoffend, und erreichte nach endlosen und hier nur aufgrund menschenrechtlicher und zeitlicher Überlegungen überschlagener Strapazen die "Hintertür". Würde Oenone nun überhaupt noch ein Wort, einen Blick übrig haben für ihre Fans aus vergangenen Tagen?

 

Ja!

 





Und so endet dieser Bericht vom größten Radsportereignis dieses Jahres, dem Weltcupfinale in Nürnberg. Während sich übrigens einige Mannsleute auch mal auf dem Kurs versuchen durften (warum sind männliche Radprofis eigentlich so dick?)

 





... Oenone ihr Italienisch auffrischte

 




... und ich Theresa Senff beim Bummeln erwischte (und mir eingestehen musste, dass ich das Faible für knubbelige Nasen wohl von Nini geerbt habe)

 





Stephen Wooldridge

... wurde das Wetter schön und ich sauer und fuhr mit dem Zug nach Hause. Ach ja, weder Leontien noch Sara Carrigan waren am Start, ein Foto von Olga Slyousareva habe ich auch nicht - doch wenigstens ein aktueller Olympiasieger lief mir in die Linse. Oder so.

 



Das wars. Das war Radsport 2004. Nächstes Jahr wird alles anders. Keine Petra Rossner, keine Margie Hemsley und Oenone Wood ist dann wahrscheinlich auch in Deutschland ein unantastbarer Star.

 

That was your last chance to see ...

 


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